In Silvana Cozzutos Buch "Italienische Familiengeschichten" findet sich auch eine Kindheitserinnerung aus dem cilentanischen Küstenort Pisciotta, der unweit unserer Ferienwohnungen liegt.
In den 70-er Jahren war das Meer im Golf von Neapel bereits so verschmutzt, dass das Baden dort kein Genuss mehr war. Meine Eltern mieteten deshalb für unseren 4-wöchigen Urlaub am Meer eine Wohnung in Cilento, wo heute ein Nationalpark entstanden ist. Pisciotta Marina hieß das Dorf, als Unterscheidung von Pisciotta Monte, das oben am Berg liegt. Die Frauen vom Bergdorf wuschen ihre Wäsche noch im Fluss oder in großen Steintrögen. Zum Trocknen hängten sie ihre Wäsche nicht auf Leinen, sondern befestigten sie an schrägen Felswänden, auf jede Ecke kam ein glatter Flussstein. Unten am Meer hingegen legten die Fischerfrauen ihre Wäsche auf den Steinstrand. Das Meer war damals so kristallklar, dass man vielerlei Fische sehen konnte. Die Fischerkinder holten die Polypen mit bloßen Händen aus dem Meer, sie rollten große Steine zur Seite, unter denen sich die Polypen normalerweise verstecken. Hatten sie welche gefunden, packten sie sie an den Armen und schlugen sie mit den Köpfen gegen große Felsbrocken. Mein Vater kaufte ihnen oft welche ab, hocherfreut, so frische Ware zu bekommen.

Zusammen mit meiner Mutter setzte er sich ans Meeresufer, bewaffnet mit Scheren und Eimern, um die Polypen direkt im klarem Meereswasser zu putzen. In Anbetracht der Überfischung und der Umweltverschmutzung dachte ich, es sei heutzutage nicht mehr so leicht, einen Polyp zu fangen. Zu meiner Überraschung erzählte mir mein Bruder nach seiner Rückkehr vom Capo Vaticano (Kalabrien), wo er mit seiner Familie den Sommerurlaub 1997 verbracht hatte, dass deutsche Kinder einen aus dem Wasser geholt hätten. Er näherte sich den Kindern, denn wie mein Vater damals, dachte auch er an die Frische des Polypen und seine potenziellen Einsatzmöglichkeiten im Kochtopf. Doch die Mutter der Kinder war schneller, handelte wahrscheinlich aus Tier- und Umweltliebe. Sie erklärte den Kindern etwas, das mein Bruder nicht verstand, und warf das Tier wieder ins Wasser. Dort endeten auch die kulinarischen Phantasien meines Bruders von Spaghetti mit einer duftenden Polypensoße oder einem frischen sommerlichen Salat.
(Aus: Italienische Familienrezepte, S. 6-8)
Auf den Geschmack gekommen?
Wir haben aus Silvana Cozzutos Buch "Italienische Familienrezepte" zwei Rezepte - selbstgemachte Gnocchi und ein Auberginen-Gericht - ausgewählt.