

Auf den ersten Blick scheint Marina di Camerota ein typisch süditalienisches Fischerdorf wie alle anderen im Cilento zu sein: Pizza, Pasta & Co. regieren die Speisekarten der Ristoranti und Trattorie, in den engen Gassen des Centro Storico lauscht man Diskussionen in Italienisch, noch öfter vernimmt man den hiesigen Dialekt.
Hin und wieder aber mischen sich spanische Wortfetzen in die Gespräche. Die Hauptstraße ist hier nicht - wie in vielen anderen italienischen Orten – der „Corso“, sondern die „Via Bolivar“ und den Hauptplatz schmückt eine Statue des „libertador“ Venezuelas, Simón Bolivar. Im Alimentari entdeckt man neben italienischen Produkten immer wieder Importwaren aus Venezuela, das Ristorante Il Muketo serviert die daraus zubereiteten Gerichte. Salsa-Kurse haben Hochkonjunktur, und im Frühsommer richten die Einwohner von Marina di Camerota jährlich das wohl größte Lateinamerika-Festival Süditaliens „chévere“ (dt. Übersetzung: „fantastisch“) aus.

Woher kommt diese Verbindung zu Lateinamerika und insbesondere zu Venezuela? Heute ist Italien ein Einwanderungsland für Gastarbeiter v.a. aus Südosteuropa und dem nördlichen Afrika. Vor nicht allzu langer Zeit aber emigrierten viele Süditaliener – und dies nicht nur nach Deutschland.
Mit dem Eigentümer der Casetta Mandorlo, Signor Antonio Esposito und seiner Mutter haben wir uns bei einem unserer Cilento-Aufenthalte ausführlich über die Zeit der „emmigrazione per la Venezuela“ unterhalten.
Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte in Süditalien bittere Armut. Die industrielle Entwicklung vollzog sich nur in Norditalien. Die Landwirtschaft warf karge Erträge ab, bis heute ist der Cilento zu großen Teilen bäuerlich geprägt. Deshalb suchten viele Cilentani und insbesondere die Bewohner Camerotas ihr Glück fern der Heimat.

Der Großvater von Antonio Esposito arbeitete zwischen 1940 und 1949 immer wieder für einige Jahre in Venezuela. Die Familie blieb in dieser Zeit in Italien, die Fahrkarten für die Überfahrt waren zu teuer. 1949 holte der Großvater dann seine Ehefrau und seine Kinder nach. Insgesamt waren allein auf diesem wöchentlich verkehrenden Schiff nach Übersee über 50 Leute aus Camerota.

Die meisten Camerotani siedelten sich als Selbständige in Caracas an. Italienische Lebensmittel standen bei sowohl bei den Auswanderern als auch bei den Einheimischen hoch im Kurs: Salami, Pasta, Wein, Tomatenkonserven und Käse importierten die fleißigen Camerotani aus dem Cilento und unterstützten so nicht nur durch Überweisungen die zurückgebliebenen Familienangehörigen in Italien. Auch die Familie Esposito betrieb ein solches „negozio di commestibili“.
Antonio Esposito wurde wie viele seiner Altersgenossen in den 1950er Jahren in Venezuela geboren und verbrachte dort einen Großteil seiner Kindheit. Obgleich seine Familie natürlich mit den anderen Cilentani in engem Kontakt stand, kam es zu keiner Ghettoisierung der Italiener, ein "Little Italy" wie z.B. in New York bildete sich nicht.
Die Bande zur Heimat Italien rissen nie ab: Briefe und Heimatbesuche halfen, die Sehnsucht nach „Bella Italia“ nicht zu groß werden zu lassen.

Den Auswanderern ging es in Venezuela besser als den Daheimgebliebenen und nicht wenige brachten es in Südamerika zu verdientem Wohlstand.
Ab Mitte der 1960er Jahre aber wurde die politische Situation in Venezuela immer unsicherer. „Non si capiva più niente“, zu deutsch: „Man verstand überhaupt nichts mehr“, wie Antonios Mutter meinte. Und außerdem fürchtet sie „l’amore“: Ein klein wenig war wohl auch die Angst, dass ihre Kinder sich venezolanische Lebenspartner suchten könnten und dadurch die Familie auseinandergerissen würde, ausschlaggebend für die Rückkehr nach Italien.

So wie Signora Esposito dachten viele Camerotani. War Camerota in den 1950er Jahren ein „paese fantasma“, ein Geisterdorf, in dem nur noch die Alten lebten, so füllte sich der Küstenort spätestens ab den 1970er Jahren wieder mit quirligem Leben. Das in Südamerika angehäufte Vermögen steckte man zu einem großen Teil in Immobilien. Fast alle Häuser an der Via Bolivar sind mit venezolanischem Geld gebaut.
Mitgebracht haben die Camerotani aus Venezuela nicht nur materielle Werte. Die Unbefangenheit und Lebensfreude der Südamerikaner haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Im Vergleich mit Bewohnern anderer Dörfer im Cilento gehen die Camerotani unbekümmerter und offener auf Fremde zu ... und spätestens Anfang Juni, wenn eine Neuauflage des Festivals „chévere“ auf dem Programm steht, kann man einen Hauch südamerikanischer Exotik in Europa erleben.

Zur Ortsbeschreibung von Marina di Camerota ...